Tinnitus (Ohrensausen): Ursachen und klinisches Management.
Otologie

Tinnitus (Ohrensausen): Ursachen und klinisches Management.

14. Januar 2024
Dr. Emirjon Haxhiu

Tinnitus (Ohrgeräusche) ist die Wahrnehmung eines Tons, ohne dass eine äußere Schallquelle existiert. Das Geräusch kann als Pfeifen, Summen, Brummen, Pulsieren oder Zischen beschrieben werden und in einem oder beiden Ohren auftreten. Studien schätzen, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen unter anhaltendem Tinnitus leiden. Für viele Patienten wird er zu einer äußerst belastenden Erkrankung, die Schlaf, Konzentration und Stimmung beeinträchtigt – die gute Nachricht ist jedoch, dass es heute wirksame Bewältigungsstrategien gibt.

Wie entsteht Tinnitus?

In den meisten Fällen beginnt Tinnitus mit einer Schädigung der feinen Sinneszellen des Innenohrs. Wenn das Gehirn weniger Schallsignale vom Ohr erhält, versucht es, diesen Mangel auszugleichen, indem es die Empfindlichkeit seiner Hörzentren erhöht – und genau diese gesteigerte Aktivität wird als Phantomgeräusch wahrgenommen. Dieser Mechanismus erklärt auch, warum Tinnitus in der Stille sowie in Phasen von Stress und Erschöpfung stärker hervortritt.

Was sind die häufigsten Ursachen?

Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern das Symptom einer anderen zugrunde liegenden Störung. Zu den Hauptursachen gehören:

  • Lärmbelastung: Laute Musik, Konzerte und laute Arbeitsplätze schädigen die Sinneszellen des Innenohrs – die häufigste und am besten vermeidbare Ursache.
  • Verstopfung durch Ohrenschmalz (Cerumen): Ein mechanisches Hindernis, das Druck und Klangwahrnehmung verändert; es lässt sich sofort in der Klinik beheben.
  • Altersbedingter Hörverlust (Presbyakusis): Der natürliche Hörverlust nach dem 60. Lebensjahr geht sehr häufig mit Tinnitus einher.
  • Mittelohrentzündungen und Paukenerguss: Behandelbare Erkrankungen, die bereits beim ersten Besuch ausgeschlossen werden sollten.
  • Erkrankungen des Innenohrs: Morbus Menière, der mit Schwindel und schwankendem Hörvermögen einhergeht, oder die Otosklerose.
  • Ototoxische Medikamente: Hochdosiertes Aspirin, bestimmte Antibiotika und Diuretika können Tinnitus auslösen oder verstärken.
  • Gefäßprobleme und Bluthochdruck: In bestimmten Fällen pulsiert der Tinnitus im Takt des Herzschlags – der sogenannte pulssynchrone Tinnitus, der immer eine fachärztliche Abklärung erfordert.
  • Kiefer- und Nackenprobleme: Störungen des Kiefergelenks und muskuläre Verspannungen können die Geräuschwahrnehmung beeinflussen.

Wann erfordert Tinnitus eine dringende Abklärung?

Einige Tinnitusformen verlangen eine Untersuchung ohne Verzögerung:

  • Tinnitus nur in einem Ohr, besonders wenn er von einem Hörverlust auf derselben Seite begleitet wird.
  • Pulssynchroner Tinnitus, der im Rhythmus des Pulses schlägt.
  • Tinnitus, der zusammen mit einem plötzlichen Hörverlust (Hörsturz) auftritt – ein medizinischer Notfall, bei dem jeder Tag zählt.
  • Tinnitus in Verbindung mit Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen.

Wie wird er diagnostiziert?

Unsere Abklärung beginnt mit der mikroskopischen Otoskopie, um sichtbare Ursachen auszuschließen, setzt sich mit einem vollständigen Audiogramm und der Tympanometrie fort, um die Hörfunktion präzise zu messen, und wird bei spezifischen Anzeichen durch bildgebende Verfahren ergänzt. Die Identifizierung der Ursache ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Behandlung.

Ist Tinnitus heilbar?

Die Antwort hängt von der Ursache ab. Stammt das Geräusch von Ohrenschmalz, einer Infektion oder einem behandelbaren Mittelohrproblem, ist die Lösung oft sofort und endgültig. Liegt die Quelle in einer Schädigung des Innenohrs, verschwindet der Tinnitus in der Regel nicht vollständig – das bedeutet aber nicht, dass Ihnen nicht geholfen werden kann. Das Ziel des modernen Managements ist es, dem Gehirn beizubringen, das Geräusch herauszufiltern – so wie es das Brummen eines Kühlschranks oder den Verkehrslärm ausblendet –, bis es Sie im Alltag nicht mehr stört.

Das moderne Tinnitus-Management

  • Hörgeräte: Wenn der Tinnitus mit einem Hörverlust einhergeht, überdeckt die Verstärkung der natürlichen Umgebungsgeräusche das innere Geräusch und gibt dem Gehirn die fehlende Stimulation – oft mit spürbarem Nutzen schon in den ersten Wochen.
  • Geräuschgeneratoren (Masker): Geräte oder Apps, die sanfte Hintergrundklänge erzeugen (weißes Rauschen, Regengeräusche), um das Gehirn abzulenken – besonders hilfreich in der Nacht.
  • Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT): Eine Kombination aus strukturierter Beratung und Klangtherapie mit dem Ziel der Gewöhnung – das Gehirn lernt, das Geräusch als unwichtig einzustufen.
  • Psychologische Unterstützung und Entspannungstechniken: Die kognitive Verhaltenstherapie verfügt über starke wissenschaftliche Belege für die Verringerung der Belastung und die Verbesserung des Schlafs bei Tinnituspatienten.

Was können Sie selbst tun?

  • Vermeiden Sie absolute Stille – ein leises Hintergrundgeräusch (ruhige Musik, ein Ventilator) mildert die Wahrnehmung des Tinnitus.
  • Schützen Sie Ihre Ohren vor lauten Geräuschen und tragen Sie bei Bedarf Gehörschutz.
  • Reduzieren Sie Koffein und Nikotin, wenn Sie bemerken, dass sie das Geräusch verstärken.
  • Bewältigen Sie Stress und achten Sie auf Ihren Schlaf – Erschöpfung verstärkt den Tinnitus.

Das Wichtigste ist, die Ohrgeräusche nicht zu ignorieren und ihnen nicht allein gegenüberzustehen. Ein früher Besuch mit einem präzisen Audiogramm ist der erste Schritt zurück zu Ihrer Ruhe.